Presse Beitrag „Die Zeit“: Am Tropf

Deutschlands Arzneimittelhersteller sind von Importen aus Indien und China abhängig. Das ließe sich ändern, wird aber teuer.

Von Ingo Malcher
1. April 2020 DIE ZEIT Nr. 15/2020, 2. April 2020
Aus der ZEIT Nr. 15/2020

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AM TROPF

Der Lastwagen war schon unterwegs zum Flughafen in Mumbai. Geladen hatte er 48.000 Packungen des Medikaments Hydroxychloroquin, produziert in Indien, bestellt von der Berliner Firma Aristo Pharma. Doch dann verbot die indische Regierung die Ausfuhr des Präparats, das angeblich die Symptome der Lungenkrankheit Covid-19 mildert, so erzählt es Stefan Koch, Vorsitzender der Geschäftsführung von Aristo Pharma. „Wir versuchen alles, um die Ware nach Deutschland zu kriegen“, sagt er. „Bislang vergeblich.“

In der Krise zeigt sich die Abhängigkeit Deutschlands von Asien im Medizinbereich. Die dortigen Fabriken produzieren konkurrenzlos billig und haben viele hiesige Anbieter aus dem Markt gedrängt. Das rächt sich nun. Die Ausgangssperre in Indien und eine schleppend anlaufende Produktion in China führen dazu, dass viele aus diesen Ländern stammende Rohstoffe für Pharmazeutika teurer werden.

Indien hat nicht nur den Export von Hydroxychloroquin verboten. Auch die Ausfuhr von Paracetamol und einer Reihe anderer Präparate wurde vergangene Woche per Dekret gestoppt. Einer der größten Produzenten des Landes warnte seine Kunden in einem der ZEIT vorliegenden Brief: „Wir können die nahtlose Belieferung nicht immer garantieren.“

Normalerweise verkauft Aristo Pharma in Deutschland etwa 7.000 Packungen Hydroxychloroquin im Monat. Es wird bei chronischen Haut- und Gelenkerkrankungen verabreicht. Doch seit auch US-Präsident Donald Trump die Hoffnung genährt hat, das Mittel könne gegen Covid-19 helfen, ist der Absatz auf etwa 35.000 Packungen hierzulande hochgeschnellt. Und Koch bekommt immer wieder unseriöse Angebote: „Wir brauchen 10.000 Packungen, wir zahlen einen guten Preis“, habe ein Anrufer gesagt. Er lehne so etwas stets ab, da verschreibungspflichtige Arzneimittel in Deutschland nur an Kliniken, Großhändler und Apotheken abgegeben werden dürfen.

Sein Problem ist ohnehin die Beschaffung von Wirkstoffen für die Eigenproduktion in Deutschland. Für viele Produkte aus Asien muss Koch derzeit deutlich mehr bezahlen, die Preise mancher Präparate seien infolge der Krise zum Teil massiv gestiegen.

Christoph Stoller, Deutschland-Chef des israelischen Generika-Herstellers Teva, zu dem die Marke Ratiopharm gehört, hat gerade eine Lieferung von Schmerzmitteln aus China per Luftfracht einfliegen lassen, was rund ein Viertel teurer war als die Seefracht. „Priorität hat die Sicherstellung der Lieferversorgung“, sagt er. Eine gewaltige Herausforderung, denn es verkehren zurzeit viel weniger Schiffe zwischen den Kontinenten und nur ein Bruchteil der Flugzeuge.

Tag und Nacht versuchen die Einkäufer bei Teva den Nachschub zu organisieren, damit keine Versorgungsengpässe entstehen. Sie kaufen nicht nur Wirkstoffe. Sie brauchen auch Faltschachteln für Tabletten, Glas für Ampullen, Pumpen für Nasensprays. Und bei manchen Produkten, so berichtet Stoller, sage der Lieferant: „Ich würde es dir gerne zum alten Preis geben, aber da stehen zehn andere, die mehr bieten.“

Versorgung der Patienten sicherstellen

 

Die Patienten kriegen von alldem kaum etwas mit. Wer in Deutschland krankenversichert ist, dem kann es egal sein, welchen Preis die Pharmaindustrie für Wirkstoffe oder Vorprodukte bezahlt. In von den Krankenkassen ausgeschriebenen Rabattverträgen haben sich die Hersteller dazu verpflichtet, Medikamente über einen bestimmten Zeitraum zu einem festgelegten Preis zu liefern. Die Ausschreibungen der Kassen gewinnt, wer die Lieferung garantieren kann und möglichst preiswert anbietet.

Die Techniker Krankenkasse hat gerade, federführend für alle Ersatzkassen, einen neuen Rabattvertrag ausgeschrieben, der ab April nächsten Jahres die Versorgung der Patienten sicherstellen soll. Doch das sorgt für Unmut bei den Generika-Herstellern in Deutschland. In derart turbulenten Zeiten sei es unmöglich, einen Festpreis zu garantieren, noch dazu über zwei Jahre, heißt es aus der Branche. „Wir möchten hiermit klarstellen, dass pharmazeutische Unternehmen auf absehbare Zeit (…) keine Planungssicherheit haben und dass wir Zeiten entgegensehen, in denen die Liefer- und Versorgungssicherheit in Deutschland eingeschränkt sein können“, heißt es in einem Brief des Branchenverbandes Pro-Generika an den Spitzenverband Bund der Krankenkassen, der der ZEIT vorliegt.

Tim Steimle, Leiter des Arzneimittelbereiches der Techniker Krankenkasse, wehrt sich gegen die Kritik. Verträge mit den Herstellern würden die Versorgung von Patienten sichern. „Im Rahmen der Verträge gibt es immer die Möglichkeit, dass sich Unternehmen bei unvorhersehbaren Situationen an uns wenden. Um eine höhere Liefersicherheit zu gewährleisten, sind wir dann bereit, höhere Preise zu akzeptieren“, sagt er.

Angesichts steigender Preise und verwundbarer Lieferketten erscheint es logisch, die Produktion von Wirkstoffen und Medikamenten wieder nach Deutschland zu holen, so wie es Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) fordert. „Wir müssen die starke Abhängigkeit Deutschlands von China diskutieren“, sagte Spahn vor einem Monat in Berlin. Auch sein Parteifreund Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier spricht sich hierfür aus. Aber wenn in Deutschland mehr produziert würde, hieße das auch, dass die Medikamente teurer würden.

Warum das so ist, kann Dirk Jung erklären. Er ist Geschäftsführer von Arevipharma in Radebeul bei Dresden. Jung schildert den Konkurrenzkampf mit den indischen Wettbewerbern am Beispiel des Betablockers Metoprololsuccinat: Vor drei Jahren stoppte Arevipharma die Produktion des Stoffes, weil sie nicht mehr rentabel war. Hersteller aus Indien bieten den Stoff für 43 Dollar das Kilo an. „Das ist in etwa das, was mich die Ausgangsstoffe und die Entsorgung der Produktionsabfälle kosten“, sagt Jung.

Für Chemieabfälle gibt es in Deutschland strenge Regeln. Arevipharma hat eine thermische Verbrennungsanlage, aber nicht jedes kontaminierte Lösungsmittel kann verbrannt werden. Daher müssen manche Abfälle von Fachbetrieben abgeholt werden. All das kostet Geld. Jung hält die strengen Auflagen für richtig. „Wir wissen, was passieren kann, wenn solche Stoffe in die Umwelt gelangen“, sagt er.

Und trotzdem: Wenn es Länder gibt, in denen nicht so penibel auf Mülltrennung geachtet wird, habe es keinen Sinn, einen Preiskampf loszutreten, sagt Jung. Aus seiner Sicht geht es darum, die richtigen Lehren aus der Krise zu ziehen: „Wenn ich sage, ich will autark sein, dann muss ich den Herstellern helfen, diesen Weg zu gehen.“ Das bedeutet: ihnen mehr bezahlen.